Grand Slam! Roosters vs Rangers 13-2

Sonntag, der 11. August 2013

„Der Weg zum Homerun ist der Weg der Erkenntnis, der Selbsterneuerung und der Liebe.“

An diesem Sonntag zog es die Roosters auf das Tempelhofer Feld, das Feld der Träume, das Feld der Begegnungen, meinen allerersten Sieg feierte ich hier gegen die Rangers, da war ich noch sehr klein, etwa halb so groß wie jetzt, hatte noch ganz viele Sommersprossen im Gesicht und baute Hütten im Wald.

 

Es herrschte eine besondere Atmosphäre, das Ärzte Konzert fand an diesem Tag auf dem Tempelhofer Feld statt, die Bühne wurde zentral in das Flughafengebäude gebaut. Genau am Baseballfeld war ein Einlass eingerichtet und bereits am Nachmittag wimmelte es dort von Menschen. Neugierige hingen staunend am Outfield Zaun und bewunderten durch das Maschendraht das fremde Schauspiel. Es ist immer lustig Gesprächsfetzen von ahnungslosen Zuschauern mitzukriegen: „Ist der Werfer auf dem Hügel eigentlich in der gleichen Mannschaft wie der Schläger?“ „Warum schlägt er nicht, wenn er wirft?“, was wir uns auch manchmal fragen, muss man ehrlich sagen. Ich kann diese Leute gut verstehen. Die Spieler verhalten sich komisch, man weiß nicht was die Rufe und Sprüche der Spieler und Schiedsrichter bedeuten, der ganze Spielablauf ist fremd, es passiert lange Zeit nichts, plötzlich knallt es und alles geht ganz schnell, das Gehirn verarbeitet die Informationen, kann sie aber nicht verwerten und irgendwann ist das ganze vorbei und man weiß nicht warum oder wer gewonnen hat.

Das Wetter war wunderbar, es war bewölkt, die Sonne konnte keinen Rooster ins Auge piken beim Versuch einen Gegner auszumachen. Die Temperatur war mild, der Wind war still, der Dugout eng und gemütlich. Ein Affengehege ganz nach Rooster Geschmack. Ihr Auswärtshunger war noch ungestillt. Bisher waren sie auswärts ungeschlagen. Diese Serie zu unterbrechen waren die Neuköllner Sportsfreunde nicht geneigt.

Ein ausgeschlafener Chris „Braveheart“ Kühl #6 hockte in Schutzausrüstung hinter der Platte (Homeplate) und wartete geduldig auf die Blitzpfeile vom ebenfalls ausgeschlafenen Starting und Rekordpitcher, Florida Boy und Neuköllnian Psycho #7. Der Haufen abtrünniger Mazafakas im Feld wird aus Prinzip nicht erwähnt, es sei denn einer von ihnen bleibt am Zaun kleben beim Versuch einen Flyball zu fangen oder mit dem Kopf im Sand stecken beim Versuch einen harten Groundball zu fielden und dann auch nur wenn diese Versuche erfolgreich waren und ausserdem nur wenn diese Aktionen als würdig eingestuft werden und insbesondere nur dann wenn sich jemand ein paar Tage später noch daran erinnern kann. Keine Missverständnisse: jeder Spieler ist wichtig und er wird immer von seinen Kameraden Anerkennung ernten für das was er tut, dafür stehen die Roosters, aber das Feld ist das Heer, der Fielder ist immer Soldat, deshalb: do what you do, semper fi, do or die, gung ho, gung ho, gung ho, tut was ihr tut, immer treu, tut es oder sterbt, arbeitet zusammen, arbeitet zusammen, arbeitet zusammen, nehmt euren Posten sehr ernst, denkt niemals ihr wäret etwas besseres, entehrt euch niemals selbst, indem ihr das Spiel auf die leichte Schulter nehmt, entehrt niemals eure Mannschaft, indem ihr Fehler macht, weil eure Einstellung nicht stimmt, bleibt mental immer im Spiel, sogar wenn ihr im Gehege eure verdammte Banane kaut.

Zu Beginn gab es einige „one two three inning“ wie die Amerikaner das sagen, also schnelle Innings bei denen die Schlagmänner an der Platte untergingen (Strikeout) oder wenn sie es schafften die hinterhältigen Pitches von Psycho irgendwie zu treffen, an der ersten Base ausgemacht wurden (Groundout). Der freundliche Pitcher der Kreuzberg Rangers hörte auf den Namen Adam und gab sein bestes die Roosters zu verarschen, was ihm einigermaßen gelang. Gegen ihn konnten nur die besonders ausgeschlafenen und schlitzäugigen Blauhosen Hits schlagen (auf Base kommen). Für die Rangers ein Unglück, dass der liebe Adam ein Ausländer ist. Es gibt eine Regelung, die ausländischen Pitchern nur maximal 3 Innings Spielzeit erlaubt, der Gerechtigkeit halber. Man kann sich fragen, was die Nationalität eines Pitchers mit seinem Vermögen zu tun hat Bälle in die Strikezone zu werfen (etwa 30 cm breit und 80 cm hoch). Nun, wie soll ich das milde aber treffend ausdrücken… Berlin ist das Mordor des Baseball, der brennende Schlund in den du den Ring schmeißen musst, überall auf der Welt wird besseres Baseball gespielt, 12- jährige Kubaner würden uns lachend und feixend vernichten. Daher diese Regelung.

Der zweite gegnerische Pitcher war auch nicht von schlechten Eltern, er hielt es aber aus unerklärlichen Gründen mit uns nicht lange aus. Es begab sich, dass die Roosters wieder einmal ein knappes Zwischenergebnis vorzuweisen hatten und im vierten Inning (es werden maximal 7 gespielt, wenn 2,5 Stunden nicht überschritten werden) noch lange nicht an den Sieg denken konnten. Ein paar sukzessive Fehler in der Defensive, eine passive lustlose Haltung am Schlag und ganz schnell ist das Spiel verloren. Zwei unserer Blauhosen waren schon aus, es gab keine Bananen mehr, die Stimmung war aufgeheizt, da schallte es plötzlich aus dem Affengehege: TWO OUT RALLY!!!!!!! Feierlich stimmten alle mit ein, der Durchhaltewillen war wieder da, der ewige Ja-Sager, das Dugout des Grauens, die Bank des Wahnsinns, immer wieder brüllten die Roosters frenetisch über den Platz und dem Pitcher direkt ins linke Ohr: TWO OUT RALLY!!!! Diese Parole hatte schon den heißen Sieg gegen die Drachen in Spandau herbeigeführt. Es ist immer eine Herausforderung Punkte zu machen, wenn schon zwei Schlagmänner aus sind (insgesamt müssen drei aus gemacht werden), denn nur ein zu lasch geschlagener Ball kann zum Ende des Innings führen. Anders herum ist es für die verteidigende Mannschaft eine Demütigung, wenn bei zwei Aus die Schlagmänner krachend um die Bases fegen, die Homeplate sicher erreichen und die Punkte in der Kasse klingeln, das demotiviert selbst professionelle Pitcher. Und es krachte wirklich, ein paar gute Hits, ein paar schnelle Steals und alsbald führten die Roosters. Der Pitcher kapitulierte und der dritte Kollege kam auf den Mound. Er war eine Notlösung wie sich herausstellte. Die Roosters nahmen ihn trotzdem sehr ernst. Nur weil jemand langsam wirft, heißt es nicht, dass die Schlagmänner es einfacher haben. Im Gegenteil, sie müssen sich zwingen zu warten, um den Ball nicht zu früh zu treffen, das resultiert meistens in einen Groundout (Aus an Eins) oder Flyout (aus der Luft gefangen).

Die frechen Blauhosen machten alles richtig, zeigten kein Mitleid, nach dem Sieg kann man sich die Hände schütteln, vorher nicht. Braveheart sah das ganz genauso und schlug den ersten guten Ball in hohem Bogen über den Outfield Zaun. Die Bases waren voll mit sabbernden Roosters, die nur darauf warteten die fremde Homplate zu zerstampfen, als der Ball über ihre Köpfe hinweg segelte und auf die Menschen, die hinter dem Zaun warteten einschlug. Die Sensation, das größte was ein Schlagmann machen kann, sogar ein kubanischer Ranger klatschte Beifall, Homerun mit Läufern auf allen drei Bases, Grand Slam, vier Punkte auf einmal (drei für die Läufer und einen für den Schlagmann), die höchste Punktzahl, die ein Schlagmann allein mit einem Schlag einfahren kann, alle können über die Homeplate spazieren, der Ball ist weg und kann nicht gefangen, geschweige denn zurück geworfen werden. Der Weg zum Homerun ist wahrlich ein königlicher, ein göttlicher, es erfüllt einen mit Stolz, und Braveheart war stolz, auch wenn man ihm das nicht so ansah (“Ich habe nur gemacht was der Trainer mir gesagt hat.“) Was für ein Kämpfer, immer still und in sich gekehrt aber hungrig wie ein Tiger. Seine Einheit erwartete ihn schon und feierte ihn euphorisch. Das Spiel war aber nicht vorbei, es wurden weitere Hits geschlagen und weitere Runs kassiert. Als die Roosters ein letztes Mal an ihre Defensivposten gerufen wurden, hieß es am Ende One Two Three Inning und Ballgame (Spielende), 13-2 besiegten sie die fairen und sympathischen Rangers. Good Game konnte man nur staunend sagen, vor allem wieder mal von Psycho diesem harten Pitching-Berserker, der wieder einmal ein ganzes Spiel durchpitchte. Fans, Unterstützer und Zuschauer können mit Spannung auf die Endphase der Saison blicken, das nächste Heimspiel ist schon diesen Samstag in Gropiusstadt noch einmal gegen die Rangers, das Rückspiel sozusagen und es warten noch im August zwei Auswärtsspiele in Blankenfelde und Potsdam auf die tapferen Roosters.

„Die Sonne ging über dem alten Flughafen langsam unter, Menschenheere zogen an uns vorüber wie Flüchtlinge einer imaginären Welt. Wir spielten immer noch, das Gras war trocken und warm, die Fliegen surrten in unseren Ohren, Nasen, Gesichtern, die letzten Sonnenstrahlen kitzelten unsere Sinne, wir schlugen weiter und rannten und johlten wenn einer den Ball im Flug fing oder sich in den Dreck warf, um den Ball vom Boden zu pflücken, unsere Oberkörper waren straff und braungebrannt, unsere Seelen betört von der Kraft des Augenblicks, der nicht aufhören wollte, wir waren verrückt, verrückt nach Baseball, verrückt nach uns selbst, uns reinen Seelen, wir konnten unser Glück nicht fassen, keiner dachte an zuhause oder an Mädchen oder lieben Alltagssorgen, dieser Abend gehörte uns, uns Abtrünnigen und niemand konnte uns das wegnehmen, diese Liebe zum Sport, die Liebe zur Mannschaft, zur Einzelleistung, zur mentalen Unbeflecktheit, wir zogen Kinder in Scharen an, sie wollten diese Begeisterung teilen und ihre dazu geben, um den Traum weiterzuführen, nie enden zu lassen, die Flamme hoch zu halten, das Licht zu erblicken, die Seele zu befreien, ja Kinder sind das reinste überhaupt, sie spüren diesen Zauber sofort, ihre kleinen Gesichter strahlten und strahlten und wollten nicht aufhören, die Welt schien so groß zu sein wie dieser alte Flughafen der nun uns gehörte, unsere Welt war, wir waren die einzigen Menschen auf dieser Welt und ein Heer an Kindern, oh sublime Welt, wo Kinder die Macht haben, wo Baseball höchste Leidenschaft ist und die Abendsonne immer feuerglühendheiß über die Hangars zerschmilzt, wo das Gras immer warm und weich ist, wo Frieden nicht nur ein Wort ist, wo Gott ein Gesicht hat, wo der Himmel klar und rein ist, wo wir immer bleiben wollen, tausend Sommer tausend Winter verbringen wollen, nie aufstehen wollen, nie aufwachen wollen, den Traum weiterleben, den Traum weiterleben, den Traum weiterleben.“

 

 

Colin #55